Der Aufstieg

Schwaz – Aller Bergwerke Mutter

Bereits in der Bronzezeit wurde in Schwaz Bergbau betrieben. Das für die Herstellung von Bronze wichtige Kupfer wurde in Schwaz gewonnen und ist mitverantwortlich für den Aufschwung der bronzezeitlichen Kulturen im Inntal und im Wipptal.
1409 soll die Magd Gertraud Kandlerin beim Viehhüten in der Gegend von Kogelmoos (oberhalb von Schwaz) bemerkt haben, wie ein Stier einen silberhältigen Stein mit seinen Hörnern aus dem grasigen Boden bloßlegte. Inwieweit man dieser Sage Glauben schenkt, sei jedem selbst überlassen, klar ist jedoch, dass es müßig ist, bei einem Bergbau dieser Größe nach einem Gründungsjahr zu suchen. Tatsächlich gehören aber die Stollen „Kandlerin“ und „St. Jakob am Stier“ zu den ältesten am Falkenstein, und der Stier findet sich heute noch im Wappen der Gemeinde Gallzein. Die Bergchronik berichtet, dass 1420 die reichen Erzgruben am Falkenstein aufgetan wurden und vieles Bergvolk aus Böhmen und Sachsen (den alten Silberbergbauzentren beiderseits des Erzgebirges) und anderen deutschen Landen nach Schwaz gezogen ist. 1426 hat man im Westen von Schwaz (beim Gymnasium Paulinum) eine alte Erzgrube gefunden, die ergiebig war und die man Alte Zeche nannte.
Darauf hin begann ein großer Aufschwung. Das kleine Dorf Schwaz auf der Schattenseite des Inntales mit seinen bäuerlichen Strukturen wuchs in kurzer Zeit zur größten Bergbaumetropole Europas. Zur absoluten Hochblüte um 1500 zählte Schwaz über 20.000 Einwohner und war damit die zweitgrößte Ortschaft des Habsburger Reiches.
Die 1523 geförderte Menge von 15,7 Tonnen Brandsilber stellte zu dieser Zeit 85% des weltweit geförderten Silbers dar. Noch dazu kam, dass aufgrund der Zusammensetzung des geförderten Fahlerzes die rund 70fache Menge an Kupfer gefördert wurde. Während die Gewerken das geförderte Silber an den Landesfürsten zu verkaufen hatten, durften sie das Kupfer frei am Markt verkaufen. Der unbeschreibliche Bergsegen führte in der Folge dazu, dass die anfänglich meist einheimischen Gewerken nach und nach von finanzkräftigen ausländischen (meist süddeutschen) Handelsfamilien abgelöst wurden. Die bekanntesten unter ihnen sind sicherlich die Familien Fugger und Manlich aus Augsburg.
Die aufkommende starke Konkurrenz mit den weitaus ergiebigeren Silberbergwerken in Süd- und Mittelamerika zur Mitte des 16. Jahrhunderts führte zu einer verschärften Situation in Schwaz und letztendlich zum Untergang des Schwazer Bergbaues, der mit seinen technischen und sozialen Errungenschaften den Bergbau weltweit bis ins späte 19. Jahrhundert prägte.
1449 wurde den Freundsbergern als Gerichtsherrn zugestanden, von allen Häusern, die die Bergleute auf Gemeindegrund bauen, einen Zins einzuheben und die hohe Gerichtsbarkeit bei schweren Verbrechen zu üben. Trotzdem waren sie nicht mehr Herren im eigenen Gericht. Die neue, auf Geld aufgebaute Wirtschaft stand gegen die auf bäuerlichen Grundbesitz beruhende Welt des Adels. Deshalb haben die Freundsberger 1467 das Gericht Schwaz gegen die schwäbische Herrschaft Mindelheim ausgetauscht und sind weggezogen. Seither war der Landesfürst Erzherzog Sigmund nicht nur Herr des Silbers, sondern auch Herr über das Landesgericht Schwaz. Der Schwazer Bergbau boomte regelrecht. Innerhalb von zehn Jahren war die Schwazer Metallproduktion ein europäischer Wirtschaftsfaktor und der Falkenstein wurde zur Silber- und Geldquelle der Habsburger. 1441 wurde dem wilden Erzsuchen am Falkenstein ein Ende gesetzt und die Stollen und Gruben wurden von nun an regelrecht vom Bergrichter verliehen und vom Schiner (Vermessungsingenieur) vermessen.
Der Landesfürst war bei allen Gruben stiller Teilhaber mit 1/9 der Anteile. Zusätzlich musste jeder zehnte Kübel Roherz als Fron dem beamteten Froner abgeliefert werden. Alles in den Hütten gewonnene Silber musste von den Gewerken zu einem festen Preis von 5 bis 6 Gulden pro Gewichtsmark (281 Gramm) an die Saline Hall und ab 1477 an die dortige Münzstätte abgeliefert werden, während der Handelswert bei 10 bis 12 Gulden lag. Die Differenz nannte man den Wechsel.
Um 1500 erfuhren Bergbau und Metallhandel eine Veränderung. An die Stelle der Väter treten die Söhne, die nicht mehr nur Kaufleute, sondern, nachdem sie vom Kaiser geadelt wurden, Junker mit einem Anspruch auf Luxus und Repräsentation waren. Der neureiche Bergwerksadel der Stöckl, Fieger und Tänzl stach den alten Grundbesitzeradel aus und erwarb deren Burgen und baute sie zu prachtvollen Schlössern aus. Beispiele dafür sind das Schloss Tratzberg bei Stans und das Palais Enzenberg neben der Schwazer Pfarrkirche, die der Familie Tänzl gehörte, oder das heutige Schwazer Rathaus, das der Familie Stöckl als Wohn- und Firmensitz diente. Das gute Geschäft mit Silber und Kupfer lockte aber auch Größere an, die Augsburger Welthandelsfirmen der Fugger, Baumgartner und andere mehr. Sie konnten Kaiser Maximilian und dessen Nachfolgern Karl V. und Ferdinand I. jene Darlehen geben, die sie zum Aufbau und zur Festigung des habsburgischen Weltreiches brauchten. Die Augsburger beherrschten nicht nur den Handel mit den Schwazer Metallen, sondern traten zur Sicherstellung der Produktion auch allmählich als Gewerken in den Bergbau ein. In diesem Moment entschied das Schwazer Silber über die Geschichte Europas. 1519 wurde der Habsburger Karl V. zum deutschen König gewählt. Dazu stellten die Fugger einen Teil der Bestechungssumme (man spricht von etwa 850.000 Gulden), die die Kurfürsten dazu bewog, dem Habsburger gegenüber dem französischen König den Vorzug zu geben. Da war es schwer für die Tiroler Gewerken mitzuhalten. 1552 gingen die Tänzl und Stöckl als letzte einheimische Gewerken Bankrott und die Augsburger Firmen gewannen die Alleinherrschaft am Falkenstein, die sie schon seit Jahrzehnten angestrebt hatten. Doch auch diese gerieten ab 1550 durch die allgemein schlechte Wirtschaftslage immer wieder in finanzielle Schwierigkeiten, was sich recht deutlich im häufigen
Wechsel der Teilhaber und Zusammenschlüsse äußerte. Die Blütezeit der Augsburger Handelsgesellschaften war um 1550 zu Ende. Die religiösen Wirren, die zur kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den katholischen und lutherischen Fürsten führten, und der Krieg gegen Frankreich schlugen dem europäischen Handelsnetz schwere Wunden. Die wachsende Einziehung der Bergknappen zur Landesverteidigung führte dem Bergbau weitere Wunden zu. Noch dazu kam, dass die amerikanischen Silberbergwerke mit billigem Silber den europäischen Markt überschwemmten und eine wahre Inflation des Silberpreises hervorriefen (erwähnt sei hier vor allem das Bergbaugebiet um Potosí in Bolivien, das mit einer Jahresproduktion von etwa 200.000 kg am bedeutendsten war).

Swatz ist aller perckhwerck muater zwar
Davon nert sych ayn gar gross schar
Ob treyssygh taussent, hab ich recht behalten
Von mannen, frauen, yungh und altn.
(Tiroler Landreim von Georg Rösch, 1558)